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maja5809faithkeeper

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Thursday, March 15th 2012, 10:45am

Mit dem Kapitel hab ich bisschen Schwierigkeiten, ich glaube ich sehe das nicht alles ganz so wie Willa - aber muss ich ja auch nicht. :-D Einiges kann ich schon nachvollziehen, z.B. diese Rolle, die "Trickster" in der Gesellschaft haben, und natürlich passt das z.T. auf Michael..und sicher war sein Verhalten oft genau beabsichtigt, aber immer? Zumindest kann ich mir schwer vorstellen, dass ihm die Reaktionen auf seine Comeback Konzerte "egal" waren..

Quoted

Aber einige haben Tickets gekauft, weil sie von der seltsamen Anziehung des Grotesken geködert worden waren. (Wird es eine Entgleisung geben? Wird seine Nase auf der Bühne abfallen?) Und das ist ok. Er wusste das. Er kannte uns besser, als wir uns selbst. Er hatte uns studiert, seit er fünf Jahre alt war. Es hat ihn nicht gekümmert, wenn manche Leute Tickets kauften, weil sie hofften, eine Freak Show zu sehen – tatsächlich hat er damit gerechnet. Sein Ziel war, jeden Flecken in dieser Arena zu füllen.

Dass es Leute gab, die die Tickets kauften, um zu sehen, ob Michael "es noch drauf hat"..die vlt, wirklich erwarteten, ihn scheitern zu sehen, kann ich mir schon denken - dass er mit sowas rechnete auch, nur glaube ich nicht, dass Michael das völlig egal war, wenn die Leute genau das erwarteten, und wenn ich Willa da richtig verstehe, müsste es ihm dann ja nichts ausgemacht haben, weil es dann Teil seiner (beabsichtigten) "Freakshow" war. Nur glaube ich, dass Michael eigentlich Angst davor hatte, bei seinem Comeback genau so - als Freak - wahrgenommen zu werden...ich denke dabei auch immer an diese Aussage von Robin Gibb...

Quoted

Vor ein paar Wochen sah ich ihn noch in LA auf einer Party. Er sah gut aus, fühlte sich aber nicht so, er war schlapp. Er war sehr, sehr skeptisch, wieder ins Rampenlicht zu treten und ich konnte das verstehen. Es waren nicht so sehr die Termine in London, die ihn plagten, es war eher die Art wie die Kritiker mit ihm nach diesen Konzerten umgehen würden. Ich sagte ihm, er solle eher denken „Na und!“ anstatt „Was, wenn…?“ (Robin Gibb)


Quoted

Die zweite Sache, die meine Aufmerksamkeit aus irgendeinem Grund auf sich zieht ist Jacksons Haar. Ich wurde noch nie bezichtigt ein Fan der neuesten Mode zu sein, aber ich nehme an, das ist eine weitere Perücke und im Ernst, du kannst keine Perücke kaufen, die so übel aussieht. Ich weiß nicht, was er damit gemacht hat (sie sieht irgendwie so aus, als hätte er sie in der Geschirrspülmaschine gehabt), aber ich kann mir vorstellen, dass er eine gute Zeit damit hatte, sie zu ruinieren.

:kicher: ...OMG..die Frau hat wirklich Fantasie..ich stell mir das natürlich gleich mal bildlich vor, Michael steckt die Perücke in die Spülmaschine. :ablach: . Aber eigentlich gefällt mir diese Perücke, Michael sieht doch sehr gut aus damit....
...sie meint doch diese hier, vom Anfang des Vids...

http://www.youtube.com/watch?v=upT3wti7COM


...die Transformation - "back to Michael Jackson" - erkenne ich schon auch, zumindest was die Frisur betrifft, "Curls For My Girls"...aber ich denke mir, das es für ihn auch ein Stück "Sicherheit" was..auch optisch auf der Bühne da anzuknüpfen, wo er aufgehört hatte, wenn er sagte „Ich werde die Songs performen, die meine Fans hören wollen"...wollte vlt. er auch optisch der Michael Jackson sein, den die Fans sehen wollten..
:herz: http://all4michael.wordpress.com/ :herz:



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162

Thursday, March 15th 2012, 2:56pm

Wie werde ich gesehen – wie stelle ich mich dar?

Also, ich kann Willas Sichtweise verstehen, aber es auch nicht wirklich erklären, wie sie es meint. Es ist mehr ein intuitives Verstehen.

Also, erstmal glaube ich auch nicht, dass Michael diese Dinge alle wirklich bewusst waren. Und schon gar nicht, dass er jeden Tag daran gedacht hat. Für mich ist aber Ghosts auch das wirklich ultimative Centerpiece seiner Werke, das diesbezüglich so viele grundsätzliche Aussagen macht. Wie Willa das auseinanderpflückt finde ich sehr einleuchtend und erhellend. Für Michael war seine Selbstdarstellung meiner Ansicht nach auch etwas, was seiner Intuition entsprach, er hat so seine Empfindungen ausgedrückt, manches bewusst und manches unbewusst.

Ich stelle mir auch vor, dass seine Art Feeling für das was er ausdrücken wollte sich entwickelt hat aus dem Wissen und dem Gefühl, dass er ein Leben ohne Beobachtung gar nicht kannte. Das Wissen um das Beobachtetwerden ist zu einem Teil seiner Persönlichkeit geworden, darum kreiste seine ganze Erlebniswelt (sinnigerweise heißt der heutige Dancing with the Elephant Post „I Always Feel Like Somebody’s Watching Me“), daraus hat sich seine Art, die Welt zu sehen, entwickelt und dies ist meiner Meinung nach mit ursächlich für seine Art der Darstellung nach Außen.

Was das wirklich für die eigene Erlebens-/Gefühlswelt bedeutet, wird sich niemals jemand von uns vorstellen können. Welche Auswirkungen das hat, wie sich das wirklich anfühlt. Er hat nie, so wie wir, in dem Bewusst-sein gelebt, dass er ein Mensch wie jeder andere ist (das hat er zwar gesagt, aber ich denke, er wusste, dass er es nicht ist, nicht sein kann), der unerkannt vor sich hin leben kann, sondern er hat immer alle Augen auf sich gerichtet gesehen. Er musste sich immer bewusst machen, dass andere ihn sehen, was andere sehen, wie andere über ihn denken. Und wenn er dann mal allein oder privat war, konnte er das Gefühl dann abstellen? Selbst im Privatleben hat er ja auch immer Kameras um sich gehabt, seinen Foto- und Videografen. Und er wusste auch, dass er das steuern kann, die Reaktionen der Menschen. Nur hat das ganze Unternehmen irgendwann solche Dimensionen und Wendungen aus anderen Gründen angenommen, dass es ihm auch mal entglitten ist.

Dass ihm die Reaktion auf die Konzerte „egal“ gewesen sei, glaube ich absolut nicht. Aber ich denke auch nicht, dass Willa es so meint. Ich glaube, sie meinte, dass für ihn erstmal Priorität hatte, dass die „Halle voll wird“. Und aus welchen Gründen der einzelne eine Karte kauft, konnte er ohnehin nicht kontrollieren. Und dass es sicher viele gab, die sehen wollten, was aus ihm geworden ist, muss ihm auch klar gewesen sein (vielleicht freute er sich sogar darauf, die Chance zu haben, gerade die überzeugen zu können). Und um die alle von sich zu überzeugen, dafür musste er so gut wie möglich sein. Er wollte und würde es schon allen zeigen – das war sein Antrieb. Ihm war es nicht egal, aber am Ende wollte er sie alle kriegen! Mit weniger wäre er nie zufrieden gewesen - Greatest Show on Earth.
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163

Friday, March 16th 2012, 12:56am

Mich macht das hier alles so glücklich, das glaubt ihr gar nicht.

Michael wusste ganz genau, was er tat und vor allem: er wusste, wie tiefgehend seine Kunst war und dass sie die Zeiten überdauern würde. Deshalb war er so relaxt - trotz allem. :wolke1:

Dieses Spielen mit dem Grotesken und keine Angst vor Peinlichkeit zu haben, das bedeutet glaub ich, wirklich "Frei" sein.

Ich denke schon, dass Michael auch gefühlsmäßig ambivalent war, wenn er verspottet wurde, das ließ ihn sicher nicht immer kalt. Aber er wusste, dass er die Welt verändert und nicht nur mit seiner Musik, sondern auch mit seiner Person und mit seinem Gesicht.

Ja, Lilly, wer weiß vielleicht hätte er sie am Ende alle gekriegt !!

Ich bin völlig begeistert und dankbar und demütig. :wolke1:
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Friday, March 16th 2012, 8:28am

Quoted

Michael wusste ganz genau, was er tat und vor allem: er wusste, wie tiefgehend seine Kunst war und dass sie die Zeiten überdauern würde. Deshalb war er so relaxt - trotz allem. :wolke1:


..ja, ganz bestimmt wusste er das..dafür hat er ALLES in seine Kunst gegeben..und ich liebe diesen Ausschnitt von ihm, aus dem ebony Interview von 2007..(ich liebe das ganze interview.. :herz: :herz: )
http://www.youtube.com/watch?v=h28swZzqKZ0


"Ich wollte immer Musik machen, die eine Generation beeinflusst und inspiriert. Man will dass das, was man kreiert auch lebt. Egal ob es eine Skulptur, ein Gemälde oder Musik ist. Wie Michelangelo sagte: "Ich weiß, der Schöpfer wird irgendwann gehen, aber seine Arbeit lebt weiter. Deshalb stecke ich meine ganze Seele in meine Kunst, um dem Tod zu entrinnen."
Und genauso geht es mir auch. Ich stecke alles von mir in meine Arbeit, denn ich will dass sie lebt."


...und wir merken doch jetzt schon, wie Recht er damit hatte... :herz:
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Saturday, March 17th 2012, 12:20am

Ja, aber wollen tun das Viele, nur können tun es Viele nicht. Ich meine dieses Wissen, dieses tiefe Wissen, dass er die Welt wirklich verändert HAT. :pp:
Deshalb war er auch so bescheiden, und das alles ist nicht nur ein Segen, das kann auch Fluch sein, auf jden Fall war es eine Kraft, der er sich nicht entziehen konnte.
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Tuesday, March 20th 2012, 7:44pm

Kapitel 7

„Du bist nur ein anderer Teil von mir“
„You’re Just Another Part of Me“
Dieses Kapitel beleuchtet, wie sich kulturelle Erzählungen entwickeln und zeigt, wie Jackson durch seine Kunst dabei half, einige der Geschichten, die unser Leben formen, umzuschreiben

1969 lebte ich in Charlotte, North Carolina, einer Stadt, die sich gerade neu als Führer dessen bezeichnete, was als der Neue Süden (New South) bekannt werden sollte. Gemeinsam mit Atlanta, Jacksonville, Richmond und weiteren wachsenden Städten des Südens, war Charlotte eifrig dabei, sein Image als kulturelle Provinz loszuwerden – einer Gegend mit schwachen Schulen, engstirniger Bigotterie und wenig mehr – zugunsten von etwas mehr Fortschritt, obwohl der Bürgersinn getrieben war von Plänen, die Angst vor sprunghaften Firmen aus dem Norden zu beruhigen und diese in Richtung Süden zu locken durch abstrakte Ziele wie sozialer Gerechtigkeit und Rassengleichheit. Ungeachtet dieser Motive war Charlotte auf vielen verschiedenen Ebenen erfolgreich. Heute ist Charlotte ein großes Finanzzentrum und eine treibende gemischtrassige Stadt mit einer Menge guter Energie.

Ich war ahnungslos gegenüber diesen politischen Träumen und Machenschaften im Jahr 1969. Ich war acht Jahre alt und viel mehr daran interessiert, was die großen Mädchen so taten. Meine Freundinnen und ich sahen sie im Park, wie sie auf ihren Badehandtüchern lagen und Radio hörten, während wir bis zum Überdruss schaukelten und Karussell fuhren. Wie langweilig muss das sein, sagten wir zu einander, einfach nur dazuliegen, wenn es doch so viele lustige Dinge zu tun gab. Aber insgeheim bewunderten wir sie. Sie waren im Grunde genommen noch Kinder, Teenager, und wir fragten uns, ob wir uns nicht ein wenig mehr wie sie benehmen sollten.

Also fing ich an, ein kleines Transistorradio mit mir herumzutragen. Ich stellte es auf einen Sender ein, den die großen Mädchen mochten und versuchte, es auch zu mögen, aber keiner der Songs schien für mich Hand und Fuß zu haben. Das meiste war romantischer Natur, was für mich noch Jahre entfernt in weiter Zukunft lag. Romantik war einfach ein weiteres von diesen unerklärlichen Dingen, die Erwachsene interessierten, so wie Leber und Zwiebeln essen oder Austernsuppe. Mir waren die Dinge einfach egal, über die in diesen Songs gesprochen wurde und ich konnte mich nicht dazu bringen, sie zu mögen, so sehr ich mich auch bemühte. Nach kurzer Zeit war das Radio wieder vergessen, und ich ging fort, um wieder zu spielen.

Ich wusste, wie es sich anfühlte, einen Song zu kennen, der zu einem spricht. Peter, Paul and Mary hatten 1963, als ich noch ein Kleinkind war, Puff, the Magic Dragon veröffentlicht, und es spukte durch meine Kindheit. Ich hatte solch eine schwierige Beziehung zu dem Song: Ich liebte ihn, zugleich konnte ich ihn aber kaum verkraften. Kinder spüren Dinge sehr viel intensiver als Erwachsene, denn sie haben kein ganzes Leben an Erfahrungen, um ihre Reaktionen auf die Dinge zu mäßigen – ein tropfendes Eis kann eine Tragödie solchen Ausmaßes sein, dass Erwachsene es sich kaum vorstellen können – also ist es für mich als Erwachsene schwer zu erklären, warum dieser Song mich so sehr beeindruckt hat. Captain Kangaroo spielte ihn manchmal in seiner Show, und ich war darin so gefangen, dass es geradezu körperlich schmerzte. Ein Junge mit Namen Jackie Paper freundete sich mit einem magischen Drachen namens Puff an, aber sogar als sie „im Herbstnebel scherzten“, wickelte ich mich in die Häkeldecke meiner Großmutter ein, die einen schützenden Kokon für mich gegen das bildete, was dann kam. Als Jackie Paper älter wurde und mit seinen Besuchen langsam aufhörte, begannen meine Augen zu kribbeln und zu brennen. Als Puff so traurig und einsam wurde, dass seine „Schuppen wie Regentropfen herunterfielen“, schnürte sich meine Kehle so eng zusammen, dass es sich anfühlte, als würde eine Faust sie zusammendrücken. Und als sich Puff dann in seine Höhle zurückzog, um bis in alle Ewigkeit in elender Einsamkeit zu verbringen, war ich komplett aufgelöst. Ich verschwand unter der Häkeldecke, und das war alles, was ich tun konnte, damit man mein lautes Schluchzen nicht hörte.

Diesem Song zuzuhören hat mich immer total ausgewrungen zurückgelassen – und völlig empört gegenüber Jackie Paper. Ich habe versucht, Entschuldigungen für ihn zu finden. Vielleicht war er krank geworden. Vielleicht ist er sogar gestorben. Im Grunde genommen „leben Drachen ewig, aber nicht kleine Jungen“. Aber ich wusste, dass das nicht stimmte. Er war einfach älter geworden und hörte irgendwie auf, fürsorglich zu sein. Wie der Song sagt „Bemalte Flügel und riesige Ringe machen Platz für andere Spielsachen“. Tief drinnen wusste ich, dass er einfach weiterzog zu anderen Dingen, und das konnte ich nicht verstehen. Wie kannst du befreundet sein mit einem magischen Drachen und ihn dann einfach so im Stich lassen? Wenn ich der Freund eines Zauberdrachen gewesen wäre, hätte ich ihn für immer geliebt und ihn niemals vergessen, und wenn ich dann älter geworden wäre, hätte ich ihn mit anderen Kindern bekannt gemacht, so dass er immer jemanden zum Spielen gehabt hätte. Aber was wäre gewesen, wenn sie alt geworden wären? Wie konnte ich sicher sein, dass da immer jemand gewesen wäre, der nach ihm sieht? Es war eine anstrengende Arbeit, zu planen, wie man für einen unvergänglichen Drachen sorgt, wenn du nur ein Sterblicher bist, und ein Kind noch dazu, aber ich ärgerte mich so darüber und versuchte eine Lösung zu finden.

Und dann eines Tages im Jahr 1972 ging ich allein einen ruhigen Flur in meiner Grundschule entlang, als ich einen Song aus einem Radio in den Arbeitsräumen hörte. Es war Michael Jackson, der diesen wunderschönen Song über Freundschaft und Loyalität zu Ben sang, und ich war vollständig seinem Zauber verfallen. Hier war jemand, der die Dinge auf die gleiche Art sah wie ich, der auf die gleiche Art fühlte wie ich, und ich öffnete mich für die Möglichkeit, dass vielleicht andere Leute auch auf diese Art fühlen könnten. Vielleicht war ich nicht die einzige, die sich in eine Häkeldecke einwickelte und mit Schrecken hörte, wie Puff seinem Schicksal überlassen wurde. Vielleicht fühlten andere Menschen auch auf diese Weise, und ich war nicht zu einem Leben mit gleichgültigen Jackie Papers verdammt, die ihre Freunde vergessen und einfach weiterziehen. Instinktiv wusste ich, dass Michael Jackson kein Jackie Paper war. Er würde nicht älter werden und seinen Freund, den magischen Drachen, im Stich lassen. Er war jemand, dem ich vertrauen und den ich verstehen konnte. Ben war die erste 45er Single, die ich je gekauft habe, und ich spielte sie wieder und wieder.



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Tuesday, March 20th 2012, 7:49pm

Dies alles passierte, als der Charlotte-Mecklenburg Schulbezirk seine öffentlichen Schulen per Zwangsverpflichtung integrierte. 1969 beschloss Richter McMillan, dass ein Plan zur Aufhebung der Rassentrennung entwickelt und umgesetzt werden sollte, und 1971 bestätigte der Oberste Gerichtshof der United States diese Entscheidung. Mit diesen beiden Entscheidungen, die nun vorangetrieben wurden, wurde der Charlotte-Mecklenburg Schulbezirk der erste der Nation, der die Zwangsverpflichtung für die Integration seiner Schulen nutzte, und plötzlich waren da eine Menge neue Gesichter in unseren Klassenräumen.

Es war keine perfekte Lösung. Da die Wohngegenden der Weißen meistens bessere Schulen und mehr politischen Einfluss hatten, konnten die meisten Weißen Kinder relativ nah zu Hause bleiben, während einige Kinder – besonders Schwarze und ärmere Weiße Kinder – einen mehr als einstündigen Schulweg jeweils hin und zurück zurücklegen mussten, oft vorbei an ihrer früheren Schule, die nur ein paar Blocks von ihrem Zuhause entfernt lag. Und es gab einige hässliche Vorurteile, über die geflüstert wurde. Ich erinnere mich, eines einige Male gehört zu haben, nämlich dass Schwarze Leute Angst vor Hunden hätten, weil Hunde sie instinktiv nicht mögen würden. Wenn ich jetzt als Erwachsener zurückblicke, dann fällt mir das als besonders bösartig auf, denn es impliziert, dass Rassismus etwas Natürliches sei – dass sogar Tiere zwischen Schwarz und Weiß unterscheiden würden. Ich erinnere mich daran, dass wir einen Schulausflug gemacht haben, um den Film Sounder mit Cicely Tyson anzusehen und dass ich erschrocken war, als ich sie den Familienhund streicheln sah. Auf dieses erschrockene Gefühl folgte zu meinem eigenen Erstaunen ein noch größeres Nachbeben, als ich entdeckte, dass ich etwas geglaubt hatte, das eine offensichtliche Lüge war, ohne jedoch zu realisieren, dass ich dies geglaubt hatte. Diese Lüge war irgendwie in meine Gedanken gekrochen, ohne dass es mir bewusst gewesen war.

Auf gewisse Weise waren wir Kinder nicht besser als die Gemeinschaften, die uns produziert hatten. Aus meiner Perspektive als Kind lief die Integration in Charlotte jedoch relativ reibungslos ab. (Zurückblickend habe ich das Gefühl, dass eine Menge an Planung im Hintergrund nötig war, damit es reibungslos ablief, aber das habe ich alles nicht mitbekommen.) Es fühlte sich definitiv nicht feindselig an. Es gab kein Schreien oder Absperrungen durch Streikposten oder bewaffnete Polizei. Es fühlte sich einfach nur unangenehm an. Wir wussten, wir sollten miteinander klarkommen und Freunde werden – das war in gewisser Weise der Zweck der Übung – aber nichts verhindert eine potentielle Freundschaft mehr, als wenn euch eine Horde Erwachsener erzählt, ihr solltet Freunde sein.

Es macht es noch schlimmer, wenn sie herumstehen und euch beobachten, während ihr es versucht, und wir wussten, wir werden beobachtet – von unseren Lehrern, von unseren Eltern, von der ganzen Nation. Unruhen brachen aus, als Boston Charlotte folgte und seine Studenten auch verpflichtete, und das Thema bestimmte für Wochen die nationalen Nachrichten. Es tat uns leid, dass sie eine schwere Zeit hatten, aber es lag auch eine etwas selbstgefällige Zufriedenheit in der Luft, weil wir wussten, dass wir uns besser benahmen als sie. Wir hatten das Gefühl, die Leute aus dem Norden lehnten diejenigen aus dem Süden als Rassisten ab und dachten, sie wären sozial besser entwickelt als wir es waren, aber wir hatten nicht so randaliert wie sie. Im Endeffekt hatten die Leute in Charlotte überhaupt keinen Wirbel verursacht – wenigstens nicht in der Öffentlichkeit.

Aber während wir Kinder uns befangen und unsicher fühlten und dazu neigten, uns im Speisesaal an verschiedene Tische zu setzen, waren wir nicht gemein zueinander. Die meisten Kinder wollten aufrichtig freundlich sein, auch wenn wir nicht ganz sicher waren, wie wir es in Angriff nehmen sollten, und einige wenige zögerliche Freundschaften begannen sich zu entwickeln. Aus meiner Sicht hat es sich ziemlich gut eingespielt, teilweise auch, weil wir gute Vorbilder hatten. Meine Lehrerin in der dritten Klasse war eine kluge, einfühlsame, anspruchsvolle Schwarze Frau, deren gute Meinung viel zählte, und sie wusste, wie sie uns dazu bringen konnte, mit anderen zu fühlen. Wir sprachen in der Klasse eines Tages über eine Familie, die nicht viel Geld hatte, die aber wusste, mit dem wenigen auszukommen, und eines dieser Dinge war, Hühnerfüße zu essen. Wir waren so fasziniert, dass sie einige Tage später einen Haufen Hühnerfüße in Salzwasser kochte und jedem von uns einen servierte. Ich habe solch eine starke Erinnerung daran, wie ich auf den Hühnerfuß auf meinem Teller starrte, bevor ich die schuppige Haut abzog und die kleinen fettigen Polster unter jedem Zeh aß und mir vorstellte, wie es sein würde, wenn eine Mahlzeit aus nichts anderem als aus Hühnerfüßen bestehen würde. (Es schmeckte tatsächlich ziemlich gut, obwohl nicht viel dran war – nur ein paar kleine Bissen und das war’s.)

Als ich auf die Junior High School kam, war mein Kunstlehrer ein talentierter, kreativer und nahezu stiller Schwarzer Mann, der es irgendwie fertigbrachte, eine Horde lautstarker Siebtklässler in Zeichner, Maler, Weber und Drucker zu verwandeln, jeder ganz still für sich in sein eigenes Projekt vertieft. Und unser Schuldirektor war ein großer, geselliger Schwarzer Mann mit einer tiefen Stimme, der eine Turnhalle voller Teenager und Pre-Teens schockte und in Ehrfurcht versetzte, als er „Stille Nacht“ bei einer Weihnachtsveranstaltung sang. (Es braucht wirkliches musikalisches Talent, einem Haufen von drängelnden, flüsternden Junior High Kindern Ehrfurcht einzuflößen, besonders mit einem Weihnachtslied, das sie bereits tausend Male vorher gehört hatten.)

Zurückblickend denke ich, die Lehrer und die administrativen Mitarbeiter zu integrieren war genauso wichtig, wie uns zu integrieren. Es bot uns eine größere Bandbreite an Vorbildern dafür, wie Autoritätspersonen aussehen und handeln und sich selbst ausdrücken können, und unsere Lehrer und Schulleiter zu beobachten, Schwarze und Weiße, mit ihnen zu reden, zu lachen und sich gegenseitig zu beeinflussen, gab uns eine Vorstellung davon, wie wir mit diesem großen sozialen Experiment umgehen sollten.

Kulturelle Normen änderten sich damals schnell, besonders an Orten wie Charlotte – eine Änderung, die durch die Popkultur noch verstärkt wurde. Wir sahen Diahann Carroll im Fernsehen als Julia und fanden sie klug und freundlich und schön. Wir sahen Room 222 und Star Trek und bekamen eine Vorstellung davon, wie ein multikultureller Arbeitsplatz aussehen könnte. Sogar die Sesamstraße (die zu spät für mich kam, als in Charlotte mit der Ausstrahlung begonnen wurde, obwohl mein jüngerer Bruder sie sehr mochte) zeigte uns, das eine multi-ethnische städtische Umgebung viel Spaß bedeuten und ein interessanter Ort sein konnte.

Und dann war da Michael Jackson. Der bloße Gedanke an ihn und was er repräsentierte – das freundliche, einfühlsame, talentierte Kind, das jeder mochte und mit dem jeder sich bis zu einem gewissen Grad identifizierte – war dort in dem Klassenraum bei uns. Wir sahen die Jackson 5 Cartoons samstagmorgens und hörten ihre Musik, und einige Kinder fühlten sich mit Michael Jackson verbunden, weil er wie sie aussah und ihnen zeigte, dass ein Schwarzes Kind erfolgreich sein und sich offensichtlich überall zuhause fühlen kann. Manche mochten ihn, weil er bekannt und beliebt war und eine tolle Zeit zu haben schien, während er Musik mit seinen Brüdern machte. Andere mochten ihn, weil er goldig und aufgeweckt war. Und wieder andere hörten genau den Worten zu, die er sang und spürten eine Seelenverwandtschaft – ein Gefühl, dass er ein Kind war, das die Dinge auf dieselbe Art sah wie wir und genauso fühlte wie wir und über Dinge singen konnte, die uns beschäftigten.


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Sunday, March 25th 2012, 11:05pm

Einige Monate, nachdem meine Besessenheit von Ben begonnen hatte, entwickelte sich bei mir eine Hauterkrankung. Besonders die Haut auf meinen Füßen, manchmal aber auch an meinen Händen, warf Blasen und juckte wie verrückt, als hätte mich Giftefeu angesteckt, und dann schälten sich die obersten Schichten meiner Haut ab. Wenn das passierte, brannte es wie Feuer, als wäre ich buchstäblich lebendig gehäutet worden. Meine Haut durchlief diese Zyklen immer wieder von der Grundschule an bis zum College. Ich erinnere mich noch, wie ich mit einem Haufen Freunde aus dem College zum Strand gegangen bin und die Nacht eingewickelt in eine Decke draußen auf dem Balkon verbracht habe, die Füße gegen den kalten Beton gepresst, um sie dadurch zu betäuben, so dass es aufhörte, weh zu tun. Es schmerzte so schlimm, dass ich nicht aufhören konnte, zu weinen, was peinlich war, aber ein Freund blieb mit mir auf dem Balkon und brachte mich die ganze Nacht zum Lachen, und er ist immer noch ein guter Freund. (Jemand, der dich zum Lachen bringen kann, wenn du so schlimme Schmerzen hast, ist es wert, dein Freund zu sein. Das ist ein besonderes Geschenk.)

Meine Mom nahm mich, nicht lange, nachdem es angefangen hatte, mit zu einem Dermatologen. Für mich schien er alt zu sein, aber ich war 11 oder 12, also was wusste ich schon? Er könnte irgendwas zwischen 55 und 95 gewesen sein. Er gab mir eine Tube weiße Salbe und meinte, es würde wahrscheinlich nicht so sehr helfen. Und dann sagte er mir, ich solle Plastiktüten um meine Füße wickeln und Socken oben drüber ziehen und so ins Bett gehen. Er sagte, ich würde „schwitzen wie eine Niggerbraut und wahrscheinlich auch so riechen“, aber ich würde mich danach viel besser fühlen. Er sagte es nicht auf eine gemeine Art und Weise. Er sagte es leichtfertig, so als würde er einen Witz erzählen, und ich denke, er versuchte, freundlich zu sein, aber ich konnte ihn danach nicht mehr ansehen. Das wie eine witzige Bemerkung zu sagen, machte es nur noch schlimmer. Ich wuchs in einer anderen Welt auf als er, und es fühlte sich falsch an, über sie zu lachen, besonders an ihrem Hochzeitstag.

Eigentlich fühlte ich mich angezogen von dieser unbekannten Braut, und ich war neugierig auf sie. Warum war sie so nervös an ihrem Hochzeitstag? War sie besorgt, wenn sie den Gang in der Kirche entlang gehen würde und alle sich nach ihr umdrehen und sie ansehen und sie beurteilen würden, wenn sie vorbeiging? Dachte sie noch einmal genau über die Person nach, die sie heiraten wollte und fragte sich, ob er immer noch die nette Person wäre? Hatte sie vor der Hochzeit selbst Angst, nicht sicher, ob sie überhaupt jemanden heiraten wollte? Ich dachte eine Menge an sie und versuchte, es herauszufinden. Schrittweise wurden wir Freunde, und wir sprachen darüber. Ich dachte, wenn sie besorgt darum war, zu heiraten, vielleicht sollte sie es dann nicht tun, aber sie dachte, sie sollte. Wir unterhielten uns darüber am Abend, bevor ich schlafen ging.

Und dann passierte eine seltsame Sache. Ich wachte eines Morgens auf, und ich war sie. Ich roch wie sie – nicht schlecht, aber anders, wie ich, aber doch nicht ich, als wäre ich in Orangensaft getaucht worden. Auf gewisse Art ist dein Geruch sogar persönlicher als dein Gesicht oder deine Stimme, vielleicht weil es weniger öffentlich ist und wir nicht so viel darüber reden. Ich erinnere mich einfach, dass etwas Magisches passiert war, und dass ich wirklich eine andere Person war. Hin und wieder die nächsten zehn Jahre lang tat ich, was der Dermatologe mir empfohlen hatte, als ich diese Schmerzen hatte, und er hatte Recht, ich fühlte mich danach besser. Ich mag diese Plastiktüten nicht, denn sie waren heiß und unbequem und ließen mich ruhelos werden, und manchmal streifte ich sie ab in der Nacht, und dann half es nicht. Aber manchmal funktionierte es, und eine Verwandlung würde passieren, während ich schlief. Ich wachte auf am Morgen als wunderschöne Schwarze Braut, die sich aufgeregt, aber fest entschlossen fühlte an ihrem Hochzeitstag. Und dann wusch ich meine Füße – ein sonderbares Ritual aus dem Alten Testament – und ich verwandelte mich zurück in ein kleines Weißes Mädchen mit einer großen Vorstellungskraft auf seinem Weg zur Schule. (Erwachsene sollten vorsichtig sein mit dem, was sie zu Kindern sagen. Kinder haben eine lebhafte Phantasie, und das kann die Dinge manchmal in überraschende Richtungen lenken. Kinder lassen sich selbst in Gedanken an Orte reisen, an die ein Erwachsener niemals gehen würde.)

Es ist heute als Erwachsene interessant für mich, zurückzublicken auf diese Zeit und über diese verschiedenen Erfahrungen nachzudenken – daran, Ben gehört zu haben und zu einem Dermatologen zu gehen und eine geheime Freundschaft zu entwickeln – und das alles zusammenzubringen. Ich habe das alles bis heute nie in Verbindung gebracht, aber zurückblickend denke ich, das alles verbunden war, sehr verbunden. Ich habe solch eine lebhafte Erinnerung an diesen Moment in der Praxis des Dermatologen, als er diese gehässigen Worte sagte – daran, wie peinlich berührt ich mich dabei fühlte, und wie verwirrt, und tief beschämt. Ich bin nicht sicher, warum ich mich so beschämt fühlte. Wenn ich zurücksehe, merke ich, dass ich nichts Falsches getan hatte, aber ich fühlte mich so, als hätte ich. Ich fühlte mich, als hätte ich etwas ganz schrecklich Falsches getan. Und vielleicht steckte ich fest in diesem Gefühl der Verlegenheit und Beschämung ohne zu wissen warum – eigentlich denke ich, es ist ziemlich leicht für Menschen mit guten Absichten, in diesem Gefühl festzusitzen – außer, dass ich Michael Jackson gehört hatte, der seinen wunderschönen Song sang, der mir gesagt hatte, dass ich die Welt nicht auf die gleiche Art sehen muss wie die anderen Menschen. Ich hatte eine Wahl, und ich konnte wählen, die Welt auf andere Art zu sehen.

Dieser Dermatologe erzählte mir eine hässliche, boshafte Geschichte – eine Geschichte von Rassismus und Geringschätzung und Trennung. Ich hasste diese Geschichte, also hat meine 12 Jahre alte Phantasie sie umgeschrieben, sie so geändert, dass sie zu einer Geschichte über Freundschaft und Verbindung wurde. Statt einer Quelle der Beschämung gab mir diese Geschichte eine Freundin in meiner Vorstellung, und ich hielt diese Freundschaft über Jahre in Ehren. Zurückblickend hätte ich nicht gewusst, dass ich fähig war, diese Geschichte umzuschreiben oder dass man sie umschreiben konnte, wenn ich nicht diese vielen Wochen damit verbracht hätte, Michael Jackson zuzuhören, wie er diesen wundervollen Song über die Sorge für jemanden, den andere Leute verachten, sang. Ich denke, ich wäre dann verärgert und verwirrt gewesen, und hätte nicht gewusst, was ich tun soll. Aber Michael Jackson hatte mir gesagt, was ich tun soll. Er sagte mir, wenn jemand schlecht behandelt wird, sollte ich versuchen, mich mit ihm anzufreunden und die Dinge aus seiner Sicht sehen – ich blicke zurück und bemerke, dass das genau das ist, was ich getan habe, auch wenn es nur in meiner Vorstellung war, und meine neue Freundin wurde ein besonderer Teil meiner Kindheit.

Ich will nicht zu viel daraus machen. Es gab keine große Offenbarung, keinen Weg-nach-Damaskus-Moment (benannt nach dem Damaskuserlebnis von Saulus, dem Christenverfolger, der später zu Paulus wurde; er begegnete auf dem Weg nach Damaskus dem auferstandenen Christus und wurde von ihm ergriffen) – es war einfach ein seltsames Spiel mit meiner Phantasie, das ich als Kind oft spielte – aber ich denke, diese Vorstellungsakte hatten einen großen Einfluss auf mich und wie ich die Welt sah. Um ehrlich zu sein, ich genoss es, wenn ich morgens verwandelt aufwachte. Es ist dasselbe Gefühl, wie ich mich heute fühle, wenn ich einen guten Roman lese. Es lässt mich aus mir selbst heraustreten, lässt mich die Welt mit anderen Augen sehen, bis ich wieder zu mir zurückkehren kann, aber mit ein wenig besserem Verständnis für die Welt, als ich es zuvor hatte. Du kannst Dinge durch diese intensive Identifikation lernen, die durch Kunst und Phantasie geschieht – durch Romane oder Filme oder Musik oder Gemälde oder sogar durch deine eigenen Tagträume – so wie du es auf keine andere Art lernen kannst. Du lernst nicht nur etwas, sondern es macht auch noch Spaß. Ich liebe dieses Gefühl. Es gibt nur wenige andere Dinge, die besser sind, als völlig in einen guten Roman oder Film einzutauchen und nur wenige andere Dinge, die verwirrender sind, als wieder aus dieser Welt vertrieben zu werden, wenn du das Buch geschlossen hast oder wieder aus dem Kino herauskommst.


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Sunday, March 25th 2012, 11:08pm

Das bedeutet nicht, dass meine Kindheitsphantasien das Rassenthema für mich lösten und alles einfach machte. Das taten sie nicht. Ich bin nicht sicher, ob irgendjemand aus meiner Generation eine Freikarte für Rasse bekam. Es war zu kompliziert und zu emotional, um einfach zu sein. Ich wollte ein guter Mensch sein und das Richtige tun, aber Rasse war so verwirrend, dass ich manchmal nicht mal sicher war, was das Richtige war.

In meinem zweiten Collegejahr hatte ich einen Schwarzen Freund, William, der mich fragte, ob ich mit ihm im Kino einen Film ansehen wolle, und ich sagte, ja klar. Er arbeitete für den Radiosender auf dem Campus; ich arbeitete für die Zeitung. Er war Schauspieler in der Theater-AG; ich war für die Beleuchtung zuständig. Er mochte es, vorne zu stehen; ich blieb lieber im Hintergrund. Wir waren Freunde, und ich habe wirklich nicht viel darüber nachgedacht, dass wir ins Kino gehen würden, aber auf dem Weg vom Kino nach Hause küsste William mich, und ich war ziemlich überrascht. Es ist immer überraschend, wenn die Moleküle deiner Welt sich neu orientieren, wie von einer Freundschaft in vielleicht etwas anderes, aber ein Teil meiner Überraschung kam durch seine Rasse. Rasse war nicht die einzige Sache, über die ich in den folgenden Tagen nachgedacht habe, aber definitiv dachte ich darüber nach. Im Grunde dachte ich sogar sehr viel darüber nach.

William ist sehr klug und unterhaltsam und manchmal auch unausstehlich, und attraktiv und begabt und ein kleines bisschen launisch und eine interessante Mischung aus introvertiert und extrovertiert: er genießt es wirklich, mit einer großen Gruppe von Leuten zusammen zu sein, außer wenn er es nicht tut, und dann möchte er allein sein. In einer idealen Welt wären das die einzigen Dinge, über die ich nachgedacht hätte, und Rasse würde überhaupt nicht Teil der Gleichung sein, aber ich lebte nicht in einer idealen Welt, und deshalb war es das.

Um ehrlich zu sein, ich war nicht sicher, ob ich wollte, dass jeder Restaurantbesuch ein politisches Statement würde, und ich wusste, dass es das sein würde. Es gab einige Weiße Mädchen an meiner Highschool, die sich mit Schwarzen Jungs verabredeten und mit ihren Freunden beim Lunch saßen, und diese Mädchen sahen dich immer mit grimmigen Gesichtern an, wenn du vorbeigingst, als wären sie entschlossen, dich niederzumachen, bevor du es mit ihnen machen konntest. Ich wollte die Welt nicht mit einem grimmigen Gesicht ansehen. Ich wusste, wenn ich anfinge, mit William auszugehen, hätte ich einen Weg finden müssen, stark zu sein, ohne verärgert zu sein, und das ist nicht immer einfach.

Ich fragte mich auch, inwiefern Rasse aus Williams Sicht eine Rolle spielte. Wie ich es gesehen hatte, waren Williams Freundinnen (und es hat einige von ihnen gegeben) alle Weiß gewesen, aber es gab auch nicht so viele Schwarze, die mit uns auf’s College gingen. Waren es nur die Umstände, dass seine Freundinnen meistens Weiß waren, oder bevorzugte er sie? Während ich damit rang, herauszufinden, wie Williams Rasse mich ihn sehen ließ, was kein gerade angenehmer Gedankengang war, fragte ich mich auch, welche Rolle meine Rasse für ihn spielte, und das ebenfalls nicht sehr angenehm.

Wie sich gezeigt hat, kamen wir wieder darauf zurück, einfach Freunde zu sein und wir sind es immer noch – was die einfachste Lösung war, wenn auch nicht die mutigste. Ganz ehrlich, ich weiß nicht, ob Rasse kein Thema gewesen wäre, wenn wir damit begonnen hätten, miteinander auszugehen. Ich denke nicht – ich denke, wir beide entschieden einfach, dass wir mit einer freundschaftlichen Verbindung besser bedient waren – aber es ist unmöglich, alles zu durchschauen, was da unten im Schlamm auf den Grund deines Gehirns alles durchsickert. Ich weiß, dass ich wesentlich ernsthafter über alles nachgedacht habe, als ich es getan hätte, wenn Rasse kein Teil davon gewesen wäre. Um ehrlich zu sein, ich war eine ziemlich flatterhafte 19-jährige und machte mir nicht viele ernsthafte Gedanken, aber ich dachte ziemlich ernst darüber nach, was es bedeuten würde, mit William auszugehen.

Ein paar Wochen später fuhr ich für ein langes Wochenende nach Hause. Einmal saßen mein Vater und ich am Frühstückstisch, und plötzlich begann er, mit dieser aufgebrachten Stimme zu sprechen, die ich niemals zuvor bei ihm gehört hatte. Er sagte, eine Freundin habe ihm erzählt, dass ich mich mit einem Schwarzen verabreden würde und das wäre widerwärtig und er könne es nicht glauben, aber wenn es wahr wäre, dann wäre ich widerwärtig, aber er würde es nicht richtig glauben, aber meine Freundin hätte es gesagt und er vertraue ihr, usw. usw., immer im Kreis. Ich wusste nicht, was ich sagen sollte. Meine Freundin wäre geschockt gewesen, hätte sie gewusst, wie mein Vater reagieren würde. Ich war geschockt. Ich denke, mein Vater war von sich selbst geschockt. Er hat niemals zuvor so gesprochen. Ich konnte die Dinge nicht glauben, die er sagte, und ich wusste nicht, was ich darauf antworten sollte.
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Sunday, March 25th 2012, 11:11pm

Ich wusste, was ich seiner Meinung nach antworten sollte - dass ich nicht mit einem Schwarzen ausging – was ja stimmte und was ihn gefreut hätte, aber ich konnte mich irgendwie nicht überwinden, es zu sagen. Aber ich konnte auch nicht sagen, dass ich einen Schwarzen gedatet hatte, denn das war nicht wahr, nicht ganz, und ich wollte meinen Vater nicht noch mehr provozieren, auch wenn ich nicht mit ihm einer Meinung war. (Dazu kam, dass diese Bezeichnung keine angemessene Art war, William zu beschreiben. Er ist Schwarz, aber er ist sehr viel mehr als das. Niemand ist einfach nur eine Farbe.) Und ich konnte meinem Vater nicht erzählen, wie ich in Zukunft reagieren würde, weil ich nicht voraussagen konnte, wie ich Zukunft möglicherweise reagieren würde. Ob ich mit jemandem ausgehe oder nicht ist solch eine fallweise Entscheidung, es ist schwer, irgendwelche umfassenden Theorien darüber aufzustellen, und wenn ich irgendwelche Grundsätze gehabt hätte, hätten die zurückliegenden Turbulenzen mit William mich demütiger werden lassen: Ich hatte über Rasse nachgedacht, als ich entschied, was ich tun soll. Es war alles so kompliziert, und ich hatte keine Idee, was ich zu meinem Vater sagen sollte. Also sagte ich gar nichts. Ich saß einfach nur da und nahm es hin.

Zum Teil wusste ich nicht, was ich sagen soll wegen der Persönlichkeit, die mein Vater ist. Mein Vater wuchs in den 40er Jahren in einem Waisenhaus im Süden auf und hegt ein tiefes instinktives Mitgefühl für jeden, der sich auf irgendeine Art ausgestoßen oder nicht akzeptiert fühlt. Er war auch weit schlimmeren Vorurteilen ausgesetzt, als ich es jemals sein würde und war sich dessen sehr bewusst, und er versuchte sehr, diese Vorurteile nicht an mich weiterzugeben. Er ist politisch ziemlich konservativ, aber er unterstützte die Bürgerrechtsbewegung, als es nicht gerade sehr populär war, und er unterstützte die Integration der Schulen in Charlotte, was noch weniger populär war, zumindest unter den Eltern in unserer Nachbarschaft. Während einige Eltern ihre Kinder aus der Schule nahmen und sie auf eine Privatschule schickten, um die Busbeförderung in andere Bezirke zu vermeiden, oder sich bitterlich darüber beschwerten, wie unpraktisch und unnötig dies alles war, erzählten meine Eltern mir, dass die Rassenintegration wichtig und richtig sei, und dass ich stolz sein solle, ein Teil davon zu sein. Ich sehe keinen Sinn darin, meinen Vater zu kritisieren, besonders nicht für etwas, das er vor 30 Jahren bei einer einzigen Gelegenheit gesagt hat. Im Grunde bewundere ich ihn und fühle, dass ich ihm eine Menge schulde.

Fussnote
Ich glaube, es ist nur fair, Geschichten wie diese in ihrem historischen Kontext zu sehen: Was mein Vater 1980 gesagt hat, sollte nicht mit heutigen Maßstäben gemessen werden. Zwei Jahre vor meinem Abend mit William traf sich Michael Jackson mit Caroline Kennedy, während er in New York The Wiz drehte, und lud sie zum Essen und zum Schlittschuhlaufen ein. Aber als er versuchte, sie zu küssen, stoppte sie ihn und sagte: „Wenn meine Mutter herausfindet, dass ich einen Schwarzen Jungen geküsst habe, wird sie mich töten.“ Jacksons Schwester La Toya, die sich ein Apartment mit ihm teilte, sagte, er „kam nach Hause und weinte“. Einige Jahre später arbeitete Carolines Mutter, Jackie Kennedy, mit Jackson an seiner Autobiografie Moonwalk und er fragte sie zu Carolines Bemerkung. Gemäß Taraborrelli „Jackie war wütend. Sie bestand darauf, Caroline hätte sich die Entschuldigung ausgedacht, um den Kuss zu vermeiden.“ Wie es auch immer war, Rasse scheint ein Thema gewesen zu sein, und die meisten Menschen sahen die Kennedys als ziemlich liberale Familie an. Also waren die Tabus sicherlich nicht auf konservative Weiße Südstaatler beschränkt.

Zur selben Zeit bemerkte ich, dass es einen Generationsunterschied zwischen uns gibt, und ich denke nicht, dass ich meinen Respekt für meinen Vater davon beeinflussen lassen sollte, was ich denke, was richtig ist. Diese Verschiebung zwischen den Generationen ist bedeutsam. Es gibt einen Grund dafür, warum Jackson sein Black or White Video mit einem Sohn beginnen lässt, der gegen seinen Vater rebelliert. Diese Generationenverschiebungen – wie diejenigen zwischen der Generation meiner Großmutter, der meines Vaters und meiner – sind ein wichtiger Weg, auf dem sich Vorurteile ändern und vielleicht beendet werden, aber es hilft, wohlüberlegte Menschen wie meine Großmutter und meinen Vater zu haben mit dem Bewusstsein, jene Vorurteile zu erkennen und zu versuchen, sie nicht von einer Generation zur folgenden weiterzugeben.

Ein oder zwei Tage später gingen meine Mutter und ich einkaufen und sahen ein gemischtrassiges Paar einen Einkaufswagen schieben. Sie sahen so alltäglich und familiär und normal aus, es war schwer zu glauben, dass sie irgendetwas Umstrittenes taten. Meine Mutter sah einige Male zu ihnen hin, und als wir in einen anderen Gang gingen, sagte sie, ihr Leben würde wahrscheinlich sehr viel leichter sein, wenn sie nicht zusammen wären. Dann hielt sie einen Moment inne und sagte „Aber ein leichtes Leben ist nicht immer ein glückliches Leben.“

Meine Mutter hat eine Angewohnheit, kleine Dinge auf eine Art zu sagen, so dass sie wirklich bei mir hängenbleiben. Ich habe mich oft an jene Worte erinnert und an sie gedacht, in vielen verschiedenen Situationen. Meine Mutter ist eine gütige, nachdenkliche Frau – meine beiden Eltern sind gütige, nachdenkliche Menschen – und sie wollen das Richtige tun, genau wie ich auch, obwohl wir manchmal nicht einer Meinung darüber sind, was das genau bedeutet. Ich wusste, sie waren sehr erschrocken über die Meinungsverschiedenheit zwischen meinem Vater und mir, und dass sie darüber geredet hatten. Und ich wusste, dass meine Mutter mir in ihrer ruhigen Art etwas Wichtiges mitgeteilt hat.


* * *
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Sunday, March 25th 2012, 11:43pm

Quoted

Es lässt mich aus mir selbst heraustreten, lässt mich die Welt mit anderen Augen sehen, bis ich wieder zu mir zurückkehren kann, aber mit ein wenig besserem Verständnis für die Welt, als ich es zuvor hatte. Du kannst Dinge durch diese intensive Identifikation lernen, die durch Kunst und Phantasie geschieht – durch Romane oder Filme oder Musik oder Gemälde oder sogar durch deine eigenen Tagträume – so wie du es auf keine andere Art lernen kannst. Du lernst nicht nur etwas, sondern es macht auch noch Spaß.


..irgendwie fiel mir gerade das ein, was Michael mal in ähnlichem Zusammenhang dazu gesagt hat..in einem Interview von 1982...und er konnte das wohl sehr gut, sich in die "Rolle" eines anderen versetzen, und die Welt dann mit anderen Augen sehen..und das so Gefühlte dann auch noch weitergeben, so dass auch wir später, als Zuschauer von ihm diese Sicht nachvollziehen können..oder zumindest zum Nachdenken gebracht werden..

Quoted

Colacello: Liebst du es, auch im normalen Leben zu schauspielern?

Michael: Ich mag es sehr. Es ist wie eine Flucht. Es macht Spaß. Es ist, wie wenn man etwas anderes wird., eine andere Person. Besonders, wenn du wirklich daran glaubst und dann ist es nicht wie schauspielern. Ich mag das Wort "schauspielern" nicht. Zu sagen "Ich bin Schauspieler". Es sollte mehr sein als das. Es sollte mehr sein wie einer der es "glaubt" (zu sein).

C: Aber ist das nicht ein wenig beängstigend, wenn du total daran glaubst?

M: Nein, das ist, was ich daran so liebe. Ich liebe es, mich wirklich zu vergessen. (Ganz in etwas aufzugehen)

C: Warum möchtest du dich so gerne vergessen? Denkst du, dass das Leben so hart ist?

M: Nein, vielleicht ist es, weil ich es mag, in das Leben eines anderen zu "springen" und es zu erforschen. (...)

http://www.mjjackson-forever.com/index.p…arhol#post97679
:herz: http://all4michael.wordpress.com/ :herz:



You know that place between sleep and awake? The place where you still remember dreaming?
That's where I'll always love you. That's where I'll be waiting.

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Monday, March 26th 2012, 12:57am

der Dankebutton funktioniert gerade nicht, aber ich habs gelesen, es ist sehr bewegend.
You were the rhythm,
You were the sound of a crescendo,
You showed us Heaven and Light,
you faced the fear.


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Monday, March 26th 2012, 12:30pm

Er sagte, ich würde „schwitzen wie eine Niggerbraut und wahrscheinlich auch so riechen“, aber ich würde mich danach viel besser fühlen. Er sagte es nicht auf eine gemeine Art und Weise. Er sagte es leichtfertig, so als würde er einen Witz erzählen, und ich denke, er versuchte, freundlich zu sein, aber ich konnte ihn danach nicht mehr ansehen. Das wie eine witzige Bemerkung zu sagen, machte es nur noch schlimmer. Ich wuchs in einer anderen Welt auf als er, und es fühlte sich falsch an, über sie zu lachen, besonders an ihrem Hochzeitstag.
Situationen dieser Art kommen mir sehr bekannt vor. Insbesondere als Rap und HipHop ihren Siegeszug antraten, war das schnell so dahin gesagte Wort "N****musik" in vieler Munde. Übrigens auch nicht verwunderlich, dass sich gerade unsere ausländischen Teenager in diesem Musikstil wiederfanden. Und ein paar auch nicht wirklich bös gemeinte, für die betroffenen Kids jedoch sehr verletzende Türkenwitze hörte man an jeder Pausenhofecke... Ich könnte nicht sagen, ob und was alles an Michael Jackson lag, aber auch für mich fühlte sich das alles einfach entsetzlich falsch an. GERADE auch diese Leichtfertigkeit. So wollte ich nicht sein.

Ich hatte eine Wahl, und ich konnte wählen, die Welt auf andere Art zu sehen.
Du kannst Dinge durch diese intensive Identifikation lernen, die durch Kunst und Phantasie geschieht – durch Romane oder Filme oder Musik oder Gemälde oder sogar durch deine eigenen Tagträume – so wie du es auf keine andere Art lernen kannst.
Diese starke Identifikation über Kunst und Kultur wurde ja eigentlich immer gefördert, ja gefordert, war erwünscht, egal ob in der Schule oder im Umfeld. Aber "keine andere Art"? Schon klar, was Willa hier meint, sie spricht allgemein vom Lernen durch Identifikation. Verwirrt hat mich aber immer, warum viele das nur "virtuell" tun, eben über Kunstprodukte, wie Filme, Romane etc. Warum nicht LIVE?? Die riesen Chance, die ein Zuwandererland wie Deutschland bietet, ist, dass man mit so vielen unterschiedlichen Menschen und Kulturen in Kontakt treten kann. Wirklich in Kontakt treten kann! Man kann eintauchen in ihre Welt, unsere Welt aus ihrer Sicht betrachten und das ist so bereichernd, es macht so viele blinde Flecken sichtbar, so viele unsichtbare, da unbewusste Grenzen, Vorstellungen, wie auch immer. Nur wenn andere zu Freunden werden, identifiziert man sich mit ihnen und ihrer Situation hier wirklich. :victory:
:herz: Michael Jackson - forever the King of Pop. A genre of music. Mainly, a beautiful human being. :herz:
es ist, was es ist... sagt die liebe


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Monday, March 26th 2012, 9:20pm

Das stimmt, biba! Das Thema Vorurteile ist schon sehr interessant. Woher kommen Vorurteile? Ich glaube, es hat ganz allgemein immer mit Grenzen zu tun. Am Anfang waren es irgendwann mal räumliche Grenzen („Die Menschen im nächsten Tal sind dreckig“). Durch die Immobilität konnte man nicht prüfen, ob das stimmt. Man hatte gar keinen echten Kontakt zueinander. Es war sicher auch eine Art Schutz- / Sicherheitsdenken, denn Unbekanntes macht Angst. Aber irgendwann wurden die räumlichen Grenzen durch geistige und künstliche Grenzen ersetzt (siehe Drittes Reich). Da können Menschen Tür an Tür wohnen und auch Kontakt miteinander haben und trotzdem bleiben die Grenzen und damit die Vorurteile. Weil sie irgendwann mal in den Kopf eingepflanzt wurden, durch tradierte Einstellungen, dadurch dass Eltern oder andere Einflüsse den Kindern das weitergaben. Ich denke, Willa meint mit Identifikation über Kunst und Literatur auch, dass durch ein Buch oder einen Film als erstem und am leichtesten zugänglichen Medium der Boden dafür bereitet werden kann, dass Gefühle entstehen. Es ist wichtig, dass man nicht alles nur durch die eigenen Augen sieht, sondern „aus sich heraustritt“ und durch die Augen anderer sieht und dies gleichzeitig mit Gefühlen, möglichst mit starken, bleibenden Gefühlen verbindet.

Willa selbst hat ihre Erfahrungen ja auch, wie sie beschreibt, mit echten Menschen gemacht. Aber sie ist auch mit bestimmten Einstellungen aufgewachsen. Diese Grenzen zu durchbrechen, heute sind es ja nur noch die im Kopf, die aber auch an Emotionen gekoppelt sind, erfordert auch Mut. Als Wegbereiter zur Änderung und Bestätigung der Einstellung können z.B. visuelle Kunst, Musik und Literatur sehr hilfreich sein. Für mich geht das Hand in Hand.

Und Willa sagt auch, dass jede folgende Generation die Chance hat, einen Schritt weiter zu gehen, wie es bei ihr selbst der Fall war. Die heutigen Kinder haben also alle Chancen der Welt, wenn ihnen die entsprechende Einstellung (durch Eltern, Schule und sonstiges Umfeld) vermittelt wird.

Bräuchte man dann im Idealfall keine Kunst mehr zu diesem Zweck? Kann es eine ideale Welt geben? Das hört sich zweifelnd und negativ an, soll es aber gar nicht. Es wäre schön, und wir alle arbeiten ja daran. Ich arbeite in einem weltweit tätigen Konzern, in dem viele Nationalitäten beschäftigt sind, unser CEO ist ein Schwarzer, hier in Deutschland! Und trotzdem höre ich ab und zu, eigentlich immer leicht dahingesagte, manchmal verbrämte, versteckt geäußerte Bemerkungen, die gegen Rasse oder Nationalität gerichtet sind. (Und dabei ist „Diversity“ doch in unseren Firmenmaximen verankert. Das darf man also gar nicht.) Ich glaube nicht, dass es wirklich so gemeint ist, die Leute denken, sie machen eine witzige Bemerkung, sie denken gar nicht nach. Und wie oft höre ich im Alltag das Wort „Empathie“, ein schönes Modewort heutzutage. Aber wenn es drauf ankommt, weiß eigentlich keiner, was es im Kern bedeutet, es wird nicht gelebt. Ich glaube, es ist so einfach, Kindern von klein auf zu zeigen, was Mitgefühl ist, eigentlich heißt das doch nur „Der andere Mensch ist genauso wichtig wie du!“ Sie brauchen einfach nur gute Vorbilder.

Wie sagte Michael so treffend in dem Brett-Ratner-Interview, das Maja gerade in einem anderen Thread zitiert hat: “I think god plants some seeds through people on the earth. I think you’re one, I’m one … / Ich glaube, Gott pflanzt einige Samen durch Menschen auf der Erde, und ich glaube, du bist einer, ich bin einer …“ Und dass Gott die Samen gleichmäßig verteilt hat, sieht man an dem schönen Beispiel, das gerade zwischen dem Iran und Israel stattfindet . Daran sieht man auch, wie konstruiert Vorurteile sind, und das Internet (auch ein Entgrenzungsmedium) hilft, dass dieses Konstrukt als solches entlarvt wird.

Und wir können unsere Gedanken und unsere Einstellung auch wie Samen verteilen. Vielleicht gibt es dann doch irgendwann mal die ideale Welt!? Ich möchte gern daran glauben!
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Wednesday, March 28th 2012, 9:53pm

Fortsetzung

Ein Jahr später führte mich mein Weg durch meinen ersten „ernsthaften“ Freund, mit dem ich ein paar Tage bei seiner Familie verbringen wollte, nach Jacksonville, Florida. Er war Fotograf und jüdisch, und ich war mehr als nur ein bisschen nervös wegen seiner Eltern. Ich hatte sie schon vorher mal getroffen und sie waren sehr nett, aber da war ich noch nicht mit ihrem Sohn zusammen und das machte schon einen Unterschied. Ich hatte einige Gerüchte in den vergangenen Monaten gehört, dass sie nicht sehr glücklich über mich waren.

Es war eine sechs- oder siebenstündige Fahrt und während des gesamten Weges hörten wir Berichte im Radio über einen bevorstehenden Prozess in Greensboro, North Carolina. Einige Mitglieder des Ku Klux Klan drohten mit allen möglichen Arten von Vergeltungsschlägen im Falle, dass diese Männer für schuldig befunden würden. Wir konnten es nicht glauben. Der Klan? Gehörte tatsächlich noch irgendjemand zum Klan? Es schien so unzeitgemäß. Der Klan war etwas, was man auf Schwarz-Weiß-Fotos aus den 30er und 40er Jahren sah, nicht etwas, über das du dir in den frühen 1980er Jahren Sorgen machen müsstest.

Am nächsten Abend gingen wir mit einigen seiner Highschool-Freunde aus (um eine Atempause von seiner Familie nehmen zu können, denke ich), und auf dem Weg nach Hause sahen wir ein Feuer in den Wäldern. Wir nahmen an, dass es ein Lagerfeuer war, aber dann etwas weiter sahen wir noch mehr Feuer und ein riesiges brennendes Kreuz. Wir waren beide schockiert und mein Freund sagte, das müsse der Klan sein, aber ich vermute, ich wollte es einfach nicht wahrhaben, denn ich sagte „Nein, ich habe Leute bei dem Feuer laufen sehen und sie hatten keine Umhänge an, nur ganz normale Kleidung: Jeans und Sneakers.“ Ich habe niemals vorher darüber nachgedacht, dass ein Mitglied des Klans Jeans tragen könnte. In meinem Kopf waren Klanmitglieder alte Männer in normalen langen Hosen mit Zweistärkenbrillen.

Aber dann sahen wir ein weiteres brennendes Kreuz, und noch eins – einige größer als andere, manche tiefer im Wald als andere – und ich bemerkte, dass er Recht hatte, es musste der Klan sein. Und dann setzten die Kreuze die Bäume in Brand, und plötzlich fing der gesamte Wald an zu brennen. In Hinsicht Landfläche ist Jacksonville riesig mit Hunderten von Acres an Pinienwäldern, und wie ich es beurteilen kann, brannten eine ganze Menge dieser Acres in jener Nacht nieder. Feuerwehrwagen kamen die Highways entlang, aber so ein kleines Löschfahrzeug konnte nicht viel gegen so ein Feuer in den Wäldern ausrichten. Es war unheimlich und schrecklich und auch irgendwie faszinierend, an diesen ganzen Feuern vorbeizufahren – so in etwa wie bei der Szene in Vom Winde verweht, in der Sherman Atlanta niederbrennt.

Es schien, als wären wir in jener Nacht eine lange Zeit herumgefahren. An einem Punkt sagte mein Freund, er würde gern ein Foto von einem der brennenden Kreuze machen, aber er wollte nicht in den Wald hinein gehen, wo diese Leute herumrannten, und ich war ganz seiner Meinung. Aber dann kamen wir zu einem riesigen brennenden Kreuz, höher als eine Plakatwerbung, genau neben der Straße. Ich sagte zu ihm, er solle ein Foto von diesem Kreuz machen, dass es ein gutes Foto würde, aber er sagte Nein, es wäre nicht sicher. Ich drängte ihn, sagte, dass es nicht riskant sei – es war so nah, er hätte sich nicht weit vom Auto entfernen müssen. Plötzlich war er sehr aufgebracht und sagte, der Klan würde nicht nur Schwarze hassen, sondern auch Juden, und wenn sie ihn zu fassen kriegen würden, würden sie ihn töten.

Mir ist es peinlich, das zuzugeben, aber ich sah ihn an, und ich konnte ihn einfach nicht verstehen. Ich verstand die Worte, die er sagte, aber ich konnte die Emotionen hinter den Worten, die er sprach oder warum er so aufgebracht war, nicht verstehen. Es gibt einige Momente in meinem Leben, bei denen ich mich fühle, als hätte ich als Mensch vollkommen versagt, und dies ist einer davon. Ich dachte, wir würden einander wirklich verstehen, zum größten Teil – eins der Dinge, die ich an ihm am meisten mochte, war dass wir uns so unglaublich gut zu verstehen schienen – aber in diesem Moment hatte ich absolut keine Ahnung, was er fühlte. Es schien so einfach für mich, beim Auto zu stehen und ein Foto zu machen. Ich habe einfach nicht verstanden, was er mir sagen wollte.

Einige Wochen später ging ich nach Hause zu meinen Eltern und entschied mich, meinem Freund eine wattierte Weste aus Wolle für Chanukka zu machen – nicht so eine dicke, aufgebauschte, sondern eine hübsche Wollweste wie von L.L. Bean mit nur ein wenig Wattierung, so dass sie warm sein, aber trotzdem gut aussehen würde. (Für mein Gefühl war Chanukka wie eine jüdische Version von Weihnachten, mit vielen Geschenken rund um die Menorah (Chanukkaleuchter). In keinem der Geschäfte, in denen ich normalerweise einkaufte, konnte ich Wolle finden, die mir gefiel, also ging ich weiter zu diesem kleinen Laden mit Heimtextilien in Richtung South Carolina und fand wirklich schöne dunkelbraune Wolle. Ich ging wieder zur Tür hinaus mit meiner kleinen Tüte in der Hand – eine Weste braucht nicht viel Material – und entdeckte, dass eine Klandemonstration auf der Straße stattfand. Und wie schon vorher fühlte es sich an, als hätte die Welt irgendwie eine Zeitreise zurück gemacht, und ich steckte in den 1930er Jahren.

Ich konnte es nicht glauben. Ich fragte mich sogar eine Sekunde lang, ob da gerade ein Film gedreht wurde, aber ich konnte an den bedrohlichen Blicken der Leute um mich herum sehen, dass es kein Film war. Die Sache war die, dass ich nicht sagen konnte, warum sie so böse guckten: War es, weil sie es hassten, was der Klan tat oder weil sie der hasserfüllten Botschaft des Klans zustimmten? Auf wessen Seite waren sie? Ich erinnere mich, dass mein Gesicht auch ärgerlich aussah, und ich fragte mich, ob diese anderen Leute sich dasselbe auch über mich fragten – warum ich verärgert war und auf welcher Seite ich war. Ich erinnere mich auch, dass ich es seltsam fand, das alles in Farbe zu sehen, und dass es in Schwarz-Weiß sein sollte, und dann bemerkte ich natürlich, dass wenn die Leute in den 30er und 40er und 50er Jahren im wirklichen Leben Klanmärsche beobachtet haben, dies auch in Farbe war. Nur in den Dokumentationen war es Schwarz-Weiß.

Es war solch ein fremdartiger Moment des Abgetrenntseins mit all diesen verrückten zusammenhanglosen Gedanken, die durch meinen Kopf tobten, als die Klanmitglieder vorbeigingen. Wir standen alle da mit bösen Gesichtern, völlig still, völlig paralysiert, und plötzlich war es, als würde eine Hitzewelle über mich hinweg ziehen, und ich war aufgewühlter als jemals zuvor in meinem Leben. Ich wollte schreien, Steine auf die Marschierer werfen, und ich habe mich niemals jemals zuvor so gefühlt. Ich bin immer mehr ein Redner gewesen. Ich war so wütend, dass ich glaube, ich hätte zu schreien und Steine zu werfen angefangen, wenn mir nicht plötzlich ein anderer Gedanke gekommen wäre: nämlich, dass ich völlig allein war, niemand dort kannte mich, und ich hatte keine Ahnung, was die Leute um mich herum dachten. Und plötzlich kam mir eine Flut von beängstigenden Gedanken in den Sinn: Was wäre, wenn die Leute mich mit Steinen bewerfen würden? Was, wenn sie mich entführen und verletzen würden? Was wäre, wenn sie mich heimlich beobachtet hätten, wie ich in mein Auto steige und mich von der Straße abdrängen würden? Was, wenn sie mir nach Hause folgten und meine Eltern belästigen oder verletzen würden, oder wenn sie eine Brandbombe auf ihr Haus werfen würden?
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Lilly

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Wednesday, March 28th 2012, 9:59pm

Ich möchte gern sagen, dass ich keine Steine geworfen habe, weil ich Pazifist bin und ich wieder zu Verstand kam, aber das ist nicht wahr. Ich war einfach zu verängstigt, um irgendetwas zu tun. Wenn man sich die Bedrohung eines Hassverbrechens wie ein Schwert vorstellen kann, dann stehe ich immer irgendwo an der Seite – ein besorgter Beobachter, aber nicht persönlich bedroht. Aber für einen kurzen Moment bekam ich einen Schimmer davon, wie es sich anfühlte, an der Spitze dieses Schwertes zu stehen, und es war furchterregend. Ich war buchstäblich zu verängstigt, um mich zu bewegen.

Sogar jetzt, jedes Mal wenn ich Michael Jackson die Zeile in Black or White singen höre „I ain’t scared of no sheets“ (Ich habe keine Angst vor Laken), erinnere ich mich an diesen Moment vor dem Textilienladen, meine kleine Tüte in der Hand, wie ich denke: Ich hatte sie, ich hatte Angst vor diesen Laken – und was ich angesehen hatte, war nicht zu vergleichen mit dem, was er gesehen hatte. Für einen kurzen Moment hatte ich sehr viel Angst, aber es war nur etwas in meiner Vorstellung. Ich war niemals tatsächlich bedroht, und ich war niemals in wirklicher Gefahr. Aber er wurde bedroht. Er erhielt Todesdrohungen. Er war das erste Schwarze Teenidol und Millionen von Menschen liebten ihn dafür, aber einige Menschen hassten ihn auch genau deswegen. Und er ging auf die Bühne und trat auf, Abend für Abend, ohne zu wissen, wer genau im Publikum war. Ich weiß nicht, wie er das gemacht hat, um ehrlich zu sein. Ich kann es mir nicht vorstellen. (Aber ich bin auch eine sehr schüchterne Person. Ich kann mir überhaupt nicht vorstellen, auf eine Bühne zu gehen und aufzutreten, Punkt.) Ich kann mir nicht vorstellen, wie du dich genug entspannen kannst, um in einer solchen Situation zu singen und zu tanzen und eine Verbindung zum Publikum aufzubauen, obwohl vielleicht der reine Akt des Performens so machtvoll war, dass er die furchtbaren Gedanken verscheucht hat. Ich weiß es nicht.


* * *

Das nächste Jahr war das Abschlussjahr. Ich wurde promoviert, zog nach Kanada und meine Hautkrankheit verschwand und kam nie mehr zurück. Ich kam nie dahinter, was es war oder wodurch sie verursacht wurde. Meine Mutter denkt, es war eine chemische Vergiftung vom Barfußlaufen auf Rasenflächen, die mit Herbiziden und Dünger behandelt worden waren, und es hat mehrere Jahre gedauert, damit es wieder aus meinem Körper verschwunden war. Das macht Sinn, aber ich weiß nicht, ob es das war oder nicht.

Das Thriller Album wurde in meinem Abschlussjahr veröffentlicht, und Jacksons erste Symptome von Vitiligo schienen sich kurz danach zu zeigen. Er trug einen Handschuh, als er mit Billie Jean zur Motown’s 25th Anniversary Feier auftrat, und über die nächsten Jahre wurde seine Haut heller und heller. Ich war überrascht, sehr überrascht. Ich hatte sogar eine ziemlich hitzige Diskussion mit einer Freundin, als ich zum ersten Mal das Bad Video gesehen hatte – ich war sicher, dass das jemand war, der Michael Jackson imitierte. Gleichzeitig machte es aber auch auf eine Art Sinn für mich, die ich nicht hätte erklären können. Es würde mehrere Jahre dauern, bis ich den theoretischen Hintergrund oder das Vokabular hatte, um fähig zu sein oder in Worten beschreiben zu können, was ich fühlte. Aber auf einer grundlegenden Ebene spürte ich die Logik in dem, was er tat, und es ergab einen Sinn für mich. Und wenn er sagte, er sei stolz auf seine Rasse und stolz, sich selbst einen Schwarzen Mann nennen zu dürfen, dann glaubte ich ihm. Es war leicht für mich, ihm zu glauben, weil es einfach das bestätigte, von dem ich ohnehin fühlte, dass es wahr war.

Ich denke, viele von Jacksons Fans hatten ähnliche Gefühle. Er mag uns überrascht haben. (Natürlich überrascht er mich immer wieder.) Aber immer noch ergibt er Sinn für uns auf einer ganz elementaren Ebene. Wir mögen nicht alles verstanden haben, was er tat, aber wenn du seine Werke gut genug kennst, beginnst du, Muster zu erkennen – wiederkehrende Worte und Bilder und Gedanken – das gibt dir das Verständnis dafür, wie seine Denkweise funktioniert. Und die Art, wie er regelmäßig die Grenzen von Rasse und Geschlecht weitergeschoben hat, passt genau zu diesen Mustern: Es passt zu der künstlerischen Vision, die er in seinen Werken ausdrückt. Ich glaube, sehr viele von Jacksons Fans spürten diese Muster und fühlten auf einer gewissen Ebene die Logik dessen, was er tat, obwohl ich denke, nicht jeder von uns sah den Sinn oder ihn selbst auf dieselbe Art. Sein Werk ist komplex genug, um viele verschiedene Interpretationen zu unterstützen.

Es ist wie bei der Volkserzählung über die sechs blinden Männer, die einen Elefanten beschreiben. Ein blinder Mann fühlt den Rüssel des Elefanten und sagt, ein Elefant sei wie eine Schlange. Ein anderer fühlt seine Beine und sagt, nein, ein Elefant ist wie eine Säule. Ein Dritter fühlt seine Seite und sagt, sie hätten beide Unrecht: Ein Elefant ist wie eine Wand. Ein Vierter fühlt seinen Schwanz und sagt, ein Elefant sei wie ein Seil. Ein Fünfter fühlt sein Ohr und sagt, ein Elefant ist wie ein Fächer. Und der Sechste fühlt den Stoßzahn und sagt, ein Elefant sei wie ein Speer. Jeder gibt eine gute Beschreibung seiner speziellen Perspektive des Elefanten ab, jedoch begreift keiner von ihnen das vollständige Tier.

Michael Jacksons Bewunderer kamen auf vielen verschiedenen Wegen zu ihm – durch seinen Tanz oder seine Musik oder seine Videos oder sein Stilgefühl oder seine Empathie oder seinen Optimismus oder seinen Humor oder seine Liebe für Kinder oder seine Vorstellung von sozialer Veränderung – und die Route, die wir nahmen, beeinflusst, wie wir ihn sehen. Manche haben ein gutes Verständnis von Musikgeschichte und seinem musikalischen Vokabular – von der Art, wie er aus verschiedenen musikalischen Traditionen und Genres kam und sie miteinander kombinierte und auf sie aufbaute, um etwas Neues und unverwechselbar Eigenes zu erschaffen. Andere sind Tänzer und können die Art schätzen, wie er sich bewegte – können tatsächlich die physischen Empfindungen erfahren, indem sie ihre Körper auf die Art bewegen, wie er seinen – und wieder andere verstehen, wie diese Bewegungen in die Traditionen des Tanzes passen.

Zaldy, der viele der Kostüme entworfen hat, die Jackson während der O2 Konzerte getragen hätte, kennt den Einfluss, den er auf die Mode hatte: „Michael hat einfach so viele kultartige Sternstunden des Stils geprägt.“ Zaldy schätzte außerdem Jacksons abenteuerlichen Sinn für Stil, sein Verständnis für besondere modische Elemente und Traditionen und seine Liebe für Innovationen, und er fühlte sich davon inspiriert:

Alles, was auf dem neuesten Stand der Technik ist, interessiert Michael. Also war das meine Aufgabe. In meinem Kopf war immer: Was kann ich ihm bringen, und wie kann ich es auf eine andere Art bringen?

Für das Billie Jean Segment von This is it entwarf Zaldy ein Kostüm mit eingebauter computergesteuerter LED Technologie. Jacksons Socken konnten in Weiß oder in vielen verschiedenen Farben flackernd aufleuchten. Dann konnte ein Lichtstreifen den Smokingstreifen an seiner Hose hinauflaufen, hoch über die Jacke bis hin zu seinem weißen Handschuh. Oder es konnte alles auf einmal aufleuchten oder passend zur Musik pulsieren.

Jackson starb, bevor das Billie Jean Kostüm vollständig war, aber Zaldy sagt, dass er Gelegenheit hatte, zu sehen, wie die Technik funktionierte und er liebte es:

Wir positionierten ihn direkt vor den Spiegel. Ich schaltete es ein und er stand einfach da. Ich sah, wie ihm die Kinnlade herunterfiel, und dann war er sprachlos … (Jacksons Choreograph fragte) „Also, was denkst du?“ Er darauf „Das ist alles, was ich immer wollte. Es ist alles, was ich gewollt habe.“ Und ich war glücklich, dass ich ihm das geben konnte.
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Lilly

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Wednesday, March 28th 2012, 10:03pm

Diejenigen von uns, die Jacksons Werk wertschätzen, sind mit ihm auf unterschiedliche Arten verbunden, und einige, wie Zaldy, haben ein beachtliches Wissen über spezielle Facetten seiner Kunst – darüber, wie er ständig bis an die Grenze ging und Dinge vorantrieb, und wie er andere ebenso zu Innovationen inspirierte. Jedoch weiß ich nicht, ob irgendjemand von uns fähig ist, den ganzen Elefanten zu sehen. Aber vielleicht können wir eine Annäherung an den ganzen Elefanten in groben Zügen aufzeigen, wenn wir anfangen, unser Verständnis für seine Werke und seine Gedanken zu teilen, und zu kombinieren, was wir wissen.

Ich weiß nur sehr wenig über Musik oder Tanz oder Mode, also verfüge ich nur über ein begrenztes Wissen über einige der zentralen Eigenschaften von Jacksons künstlerischem Leben. Es gibt riesige Abschnitte des Elefanten, die ziemlich verschwommen für mich sind. Ich kam auf einem ganz anderen Weg zu Michael Jackson. Ich wuchs an einem Ort auf, an dem jahrhundertelang tiefe Rassenvorurteile einer neuen kulturellen Erzählung Platz machten, aber das war nicht immer ein reibungsloser Übergang. Manchmal prallten diese Erzählungen – die alte und die neue – aufeinander oder zogen in verschiedene Richtungen, und wenn das passierte, konnte das sehr verwirrend sein. Michael Jackson half mir zu verstehen, was passierte, half mir, Dinge auf eine andere Art zu sehen und dadurch mit ihnen klarzukommen, und das brauchte ich verzweifelt. Meine Welt machte keinen Sinn für mich, und er half mir dabei, einen Sinn zu finden.

Zur selben Zeit wurde er mir sehr vertraut und es formte meine Sicht auf ihn. Ich dachte, dass er klug war und freundlich und lustig, und das denke ich immer noch. Mein Verständnis für sein Werk hat sich entwickelt und wurde komplexer, aber mein Verständnis für die Grundlinie seiner Persönlichkeit hat sich kaum verändert. Er offenbart seine Gedanken durch seine Werke, und das ist die Person, die ich sehe, wenn ich an Michael Jackson denke, nicht die Medienkarikatur.

Ich kreiste im Laufe der Jahre viele Male zu Michael Jackson zurück und sah jedes Mal neue Dinge. Als Erwachsene begann ich, mir seine Werke auf eine mehr theoretische Art und Weise zu betrachten, obwohl meine Wahrnehmungen und Interpretationen immer noch sehr stark von meinen Kindheitserfahrungen beeinflusst sind. Ich schrieb meine Dissertation über Romane von Frauen über das Erwachsenwerden und wie die soziale Stellung eines jungen Mädchens zu einer realen physischen Erfahrung für sie wird – besonders, wie ihre soziale Position für sie und die sie umgebenden Personen „real gemacht“ wird, indem sie physisch auf ihrem Körper sichtbar gemacht wird. Ich dachte oft über Michael Jackson nach bei meiner Arbeit, darüber, wie er ständig sein Gesicht und seinen Körper umgeschrieben hat und uns so zwang, ihn neu zu lesen und zu interpretieren und unsere Interpretation zu hinterfragen. Ich dachte, er war brillant – und das war, bevor ich Scream oder Ghosts oder Stranger in Moscow gesehen hatte. Ich wusste nicht mal die Hälfte.

Ich studierte auch kulturelle Erzählungen und wie wir unsere miteinander geteilten Geschichten nutzen, um unseren Wahrnehmungen einen Sinn zu geben und ein gemeinsames Verständnis unserer Welt zu schaffen. Aber diese Geschichten formen uns und unsere Wahrnehmungen auch bis zu einem fast unermesslichen Ausmaß, und ich sehe dies ebenso als ein zentrales Konzept in Jacksons Werk. Er war sehr interessiert an Wahrnehmung, und wie die Geschichten, die wir uns erzählen, unsere Wahrnehmungen und Ansichten formen. Er nannte diesen Prozess „Konditionieren“. Im Grunde können wir, wie er durch die Erzählung der plastischen Operationen bewiesen hat, durch unsere Geschichten, die wir uns erzählen, so konditioniert werden, dass sie uns blind machen für das, was genau vor uns ist oder uns sogar Dinge sehen lassen, die gar nicht da sind. Die Erzählung der plastischen Operationen war nur eine Geschichte, die Jackson erfunden hat – es war nicht real – aber sie wurde real für uns, so real, dass wir sein Gesicht nicht mehr sehen konnten, sogar wenn wir ihn direkt betrachteten. Stattdessen sahen wir sein Gesicht an und erblickten darin den Beweis für plastische Operationen, die niemals stattgefunden haben. Im Laufe der Zeit wurde die Geschichte der Operationen so machtvoll, dass sie unsere Wahrnehmungen komplett in den Schatten gestellt hat. Die Geschichte seines Gesichtes wurde wirklicher für uns als sein tatsächliches Gesicht.

Kulturelle Erzählungen formen unsere Wahrnehmungen auf eine ähnliche Weise, allerdings in einem größeren Maßstab. Einige dieser Geschichten wurden über Jahrhunderte von einer Generation zur nächsten weitergegeben, und durch diese Wiederholung wurden sie fest als real und natürlich in unsere Gedanken eingebettet – so real und natürlich, dass wir sie gar nicht mehr sehen. Sie sind so natürlich für uns wie die Luft, die wir atmen und genauso unsichtbar. Um Jacksons Terminologie zu benutzen, wir wurden durch diese Erzählungen „konditioniert“ – dermaßen konditioniert ist es schwer für uns zu begreifen, dass es nur Geschichten sind, menschliche Erfindungen, also stell dir Wege vor, diese Geschichten etwas anders zu erzählen, gerade dann, wenn sie überholt und zerstörerisch sind.


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Saturday, April 7th 2012, 2:41am

Vielleicht gibt es dann doch irgendwann mal die ideale Welt!?


Diese Vorstellung macht mir echt Angst. Was ist die "Ideale Welt" ? Sind da alle Menschen glücklich ? Immer ? Das fände ich schrecklich. Oder was ist damit gemeint ?
Die Geschichte seines Gesichtes wurde wirklicher für uns als sein tatsächliches Gesicht.


WOW, was für ein Satz !!
You were the rhythm,
You were the sound of a crescendo,
You showed us Heaven and Light,
you faced the fear.


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Monday, April 16th 2012, 6:48pm

Earth Song Übersetzung von biba

Dies ist, für mich, die Botschaft von Earth Song. Im Laufe vieler Jahrhunderte haben vorangegangene Generationen Geschichten kreiert, die eine bestimmte Sichtweise der Natur vorantrieben. Diese Geschichten haben besonders junge Männer ermutigt, auf einen Wald zu blicken und Bauholz zu sehen, auf einen Fluss zu blicken und Bewässerung und Wasserkraft zu sehen, einen Elefant zu erblicken und Elfenbein zu sehen, Land, das von einem Urvolk bewohnt wird, zu erblicken und einen Standort für eine neue Kolonie zu sehen.

Jackson beginnt Earth Song, indem er die Geschichten hinterfragt, die uns überliefert wurden. Speziell scheint er ein symbolisches Mitglied einer früheren Generation über einige der Dinge zu fragen, die diese Geschichten ignorieren oder auslassen oder uns ermuntern, sie als bedauernswerte Notwendigkeit abzutun und er fragt, ob diese Geschichten ihre Versprechen wirklich erfüllen:

Was ist mit dem Sonnenaufgang?
Was ist mit dem Regen?
Was ist mit all den Dingen, von denen du sagtest, wir würden sie erreichen?
Was ist mit den Schlachtfeldern?
Gibt es eine Zeit?
Was ist mit all den Dingen, von denen du sagtest, sie wären dein und mein?
Hast du jemals aufgehört all das Blut zu bemerken, das wir zuvor vergossen haben? [...]
Was haben wir der Welt angetan?
Sieh, was wir getan haben.

Während er singt, sehen wir die Auswirkungen dieser Erzählmuster der Ausbeutung: planierte und abgebrannte Wälder; ein niedergemetzelter Elefant, dessen Stoßzähne abgeschnitten wurden, sein totes Junges neben ihm liegend; eine vom Krieg zerstörte Stadt; ein zappelnder Delphin, gefangen in einem Netz, unfähig die Oberfläche zu erreichen und zu atmen; ein hungerndes Kind, das sich an seine Mutter lehnt; eine Babyrobbe, die für ihr Fell mit einer Keule erschlagen wird.

Durch die Gegenüberstellung dieser Bilder, deutet Jackson an, dass sie verbunden sind. Das Problem besteht nicht nur in diesen einzelnen Taten und Misshandlungen; es besteht darin, dass wir trainiert wurden, die Welt auf eine Weise zu sehen, die logischerweise zu dieser Art von Übergriffen führt. Das ist es, was passiert, wenn wir unseren Planeten und die lebenden Dinge, die ihn bevölkern, als Rohstoffe sehen: als Ressourcen, zu kaufen und zu verkaufen, zu gebrauchen und wegzuwerfen oder als wertlos beiseite zu schieben, wenn sie unseren Zwecken nicht dienen. Das Problem ist nicht einfach der Mann mit der Keule; es ist eine Weltsicht, die ihn dazu bringt, eine tote Babyrobbe höher zu bewerten, als eine lebende. Diese Weltsicht wurde durch kulturelle Erzählungen und kulturelle Konditionierung errichtet – durch Jahrhunderte von Geschichten, die die Ausbeutung und Beherrschung der Länder und Meere unseres Planeten aufwerten, seiner Minerale und Wälder und Flüsse, seiner Pflanzen und seiner Kreaturen, andere Menschen eingeschlossen.

Wir müssen diese kulturellen Geschichten umschreiben und neue Geschichten erschaffen, die eine andere Beziehung zwischen uns, unserem Planeten und den anderen lebenden Dingen, die unseren Planeten bewohnen, vorantreiben. Aber wie können wir möglicherweise unsere kulturelle Konditionierung rückgängig machen? Wie schreiben wir Geschichten, die so verbreitet und alt wie diese sind, neu? Viele dieser Geschichten von Eroberung, vom die Natur bekämpfenden und bezwingendem Menschen, sind älter als die Industrielle Revolution des 18. und 19. Jahrhunderts oder der Aufstieg moderner Kolonialisierung, die im 15. Jahrhundert begann. Manche mögen tausende Jahre zu den Ursprüngen der modernen Zivilisation selbst zurückreichen. Und wie Jackson bewies, ist eine Erzählung einmal etabliert, wird sie so real für uns, dass es schwer ist, sich irgendeine andere Art, die Dinge zu sehen, vorzustellen. Wenn wir Jacksons Gesicht nicht einmal sehen können, wenn es direkt vor uns ist und nicht realisieren, dass die Erzählung, die uns dazu brachte, sein Gesicht zu fehlinterpretieren, falsch ist, wie können wir dann hoffen, uns von Geschichten zu befreien, die seit Jahrhunderten erzählt und wiedererzählt wurden? Wie fangen wir überhaupt an?

Eine der charakteristischen Eigenschaften, die ich am interessantesten und anregendsten an Jacksons Werk finde, ist, dass er beides, ein Realist und ein Optimist ist. Es ist eine faszinierende Kombination. Er pocht darauf, entschlossen auf Probleme zu sehen (allerdings ist er nicht sadistisch – er schwenkt die Kamera, bevor die Babyrobbe erschlagen wird, bevor der Delphin ertrinkt), aber er stellt uns selten vor ein Problem ohne auch seine eigene einzigartige Lösung vorzuschlagen. Er nimmt sich dem scheinbar unüberwindlichen Thema der Gangbrutalität in Beat it und Bad an und schlägt eine Lösung vor: die Macht der Kunst. Und es ist eine Lösung, die funktioniert, wie der Aufstieg des HipHop bewiesen hat. Er untersucht das Problem der Frauenfeindlichkeit in The way you make me feel und schlägt eine andere Art von Romantik für diese Umgebung vor – einen Weg für Männer und Frauen eine vertrauliche Beziehung zueinander aufzubauen. Er konzentriert sich auf die spirituelle Unfruchtbarkeit des modernen Lebens in Jam und empfiehlt die Erfüllung, die von der Entwicklung und dem Ausdruck unserer eigenen inneren Kreativität kommt. Persönlicher sieht er sich in Billie Jean und Stranger in Moscow und Ghosts falsche Anschuldigungen an, die gegen ihn aufgebracht wurden und entwirft jedes Mal eine interessante Antwort auf das Problem. Er macht dasselbe in Earth Song mit dem Thema der Umweltzerstörung.

Nachdem er uns die Auswirkungen der kulturellen Erzählungen, die seit Generationen überliefert wurden gezeigt hat, beginnt Jackson eine Litanei von allem zu singen, was von diesen Erzählungen ignoriert oder als unwichtig beiseite geschoben worden war - all die Lebewesen und an den Rand gedrängte Menschen, die Wälder und Dörfer, die Ökosysteme und ganzen Zivilisationen, die von diesen Erzählungen ausgeschlossen wurden – während ein Chor von Stimmen mit „Was ist mit uns?“ antwortet (die fettgedruckten Worte werden vom Chor gesungen).

Was ist mit dem Wert der Natur?
Sie ist der Schoß unseres Planeten.
Was ist mit uns?
Was ist mit den Tieren?
Was ist mit uns?
Wir haben Königreiche zu Staub gemacht.
Was ist mit uns?
Was ist mit den Elefanten?
Was ist mit uns?
Haben sie ihre Stoßzähne verloren?
Was ist mit uns?
Was ist mit den singenden Walen?
Was ist mit uns?
Wir verwüsten die Meere.
Was ist mit uns?
Was ist mit den Waldwegen?
Wurden sie trotz unserer flehenden Gebete niedergebrannt?
Was ist mit uns?
Was ist mit dem Heiligen Land?
Was ist damit?
Es ist durch Glaube zerrissen.
Was ist mit uns?
Was ist mit dem einfachen Mann?
Was ist mit uns?
Können wir ihn nicht befreien?
Was ist mit uns?
Was ist mit den Kindern, die sterben?
Was ist mit uns?
Könnt ihr sienicht weinen hören?
Was ist mit uns?
Wo sind wir auf Abwege geraten?
Sag mir jemand warum.
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Lilly

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Monday, April 16th 2012, 6:52pm

Als Jackson und der Stimmenchor unsere Aufmerksamkeit auf all die Dinge richten, die von unseren Geschichten von Eroberung und Entwicklung und Beherrschung ignoriert wurden, verlagert sich die Perspektive von Earth Song. Plötzlich sind wir im Weltall, sehen die Welt aus einer globalen Perspektive und die Welt beginnt sich rückwärts zu drehen. Wir gehen in der Zeit zurück und der globale Schaden, der von unseren kulturellen Erzählungen entfesselt worden war, wird ungeschehen gemacht. Umgestürzte Bäume beginnen sich selbst aufzurichten und strecken ihre Zweige zur Sonne. Ein Panzer zieht sich aus einem kriegsgeschundenen Dorf zurück und ein toter Zivilist öffnet seine Augen. Rauch fließt zurück in die Schornsteine einer Fabrik. Die Stoßzähne des niedergemetzelten Elefanten wachsen nach und sie beginnt sich zu erheben und zu trompeten. Tiere kehren in die Ozeane und die Savannen zurück. Die Geschichten von Industrialisierung und Kolonialisierung und Umweltzerstörung werden un-erzählt.

Die Lösung, nach Jackson, ist alles einzugestehen, was von den bestehenden kulturellen Erzählungen ignoriert oder als unwichtig deklariert wurde. Wenn wir einmal unseren Fokus verschieben und anfangen all den Dingen Aufmerksamkeit zu schenken, die diese Geschichten ausgeschlossen haben – wenn wir einmal anfangen, diese Lebewesen und Bewohner und marginalisierte Menschen ernsthaft zu respektieren und wertzuschätzen und nicht einfach sagen, wir tun es - ändert das unsere Wahrnehmungen und unser Verständnis von unserem Platz in der Welt völlig. Wie John Muir sagte: „Wenn einer an einem einzelnen Ding in der Natur zerrt, findet er es am Rest der Welt befestigt.“ Besitzen wir die emotionale Kapazität, uns wirklich um einen Delphin oder eine Robbe oder einen Elefanten zu sorgen? (Wie der Stimmenchor fragt: „Was ist mit uns?“) Können wir uns aufrichtig um ein hungerndes Kind auf der anderen Seite der Welt sorgen? („Was ist mit uns?“) Können wir uns um einen zerstörten Wald oder ein zerbombtes Dorf sorgen, die wir nie sehen werden? („Was ist mit uns?“) Mit anderen Worten, können wir den kulturellen Erzählungen trotzen, die uns erzählen, dass diese Dinge weniger wichtig sind, als der unerlässliche Fortschritt und beginnen, die Welt auf eine Weise wahrzunehmen, die ihnen die Wichtigkeit zugesteht, die sie verdienen? Können wir anfangen, die Verbindungen zwischen uns zu verstehen und wertzuschätzen?

Uns wurde seit Jahrhunderten erzählt, dass es albern wäre, sich um Tiere oder die Umwelt zu sorgen – um Wale oder Flusskrebse oder Kolibris, um Bäume oder Sumpfgebiete oder Ströme – genau wie den frühen Siedlern erzählt worden war, es wäre falsche Sentimentalität, sich um die Gefühle der indigenen Menschen zu sorgen, denen sie begegneten, oder den Amerikanern vor dem Bürgerkrieg erzählt worden war, es wäre eine intellektuelle Schwäche, sich um die Gefühle von Sklaven zu sorgen. Haben wir die emotionale Fähigkeit, uns um die Dinge zu sorgen, von denen uns unsere kulturellen Erzählungen sagen, wir sollen sie ignorieren? Können wir uns genug sorgen, um unsere Lebensart zu ändern?

Viele Südstaatler vor dem Bürgerkrieg wussten, dass Sklaverei falsch war, aber sie waren überwältigt von der Aufgabe ihre gesamte Kultur zu verändern. Wie soll man überhaupt anfangen? Das Fortbestehen der Sklaverei war nicht einfach ein Versagen des Herzens; es war ein Versagen der Vorstellungskraft. Es war damals schwierig für viele Südstaatler, sich überhaupt eine andere Lebensart vorzustellen. Die Geschichten, die zu glauben sie erzogen worden waren, brachten sie dazu zu denken, dass ihre Art zu leben akzeptabel, sogar normal wäre und machte sie blind für andere Möglichkeiten. Es war einfacher, die Gewissensbisse zu verdrängen und die Dinge weiterlaufen zu lassen, wie sie waren.

Wir befinden uns nun in einer ähnlichen Situation, wenn es darum geht, wie wir unseren Planeten behandeln. Wir zerstören ganze Ökosysteme und verursachen Massenaussterben und wir wissen, dass es falsch ist, aber die Aufgabe, unsere Lebensart komplett zu verändern scheint überwältigend. Es ist schwer, sich überhaupt vorzustellen, wie eine neue Art zu leben aussehen könnte. In Earth Song bietet Jackson eine Anleitung dafür, wie man sich dieser Aufgabe annähern kann – dafür, wie man unsere kulturelle Konditionierung herausfordern und anfangen kann, diese Geschichten von Beherrschung und Ausbeutung neu zu schreiben. Der Schlüssel, um unsere kulturellen Erzählungen zu ändern, besteht darin, alles ausfindig zu machen, was diese Geschichten ignorieren oder abwerten und dann ebendiese Dinge, die sie ausschließen, einzuschließen. Wir müssen neue Geschichten schreiben, die den Dingen Respekt zollen, die unsere bestehenden Erzählungen ausschließen oder trivialisieren.

Doch war das keine neue Botschaft für Jackson. Das war auch die Botschaft in Ben als er uns herausforderte, uns um eine Ratte zu sorgen. Das war die Botschaft von Thriller, als er uns aufforderte, einen sexy jungen Werwolf namens Michael zu akzeptieren, wie auch die ausgeschlossenen Teile unserer eigenen Persönlichkeiten. Dies ist eine Botschaft, die er im Laufe seiner Karriere in vielen verschiedenen Kontexten wiederholte. Immer wieder in Jacksons Werk sehen wir ihn ähnliche Fragen stellen: Welche Geschichten werden erzählt und welche nicht? Was wird ausgeschlossen aus den Geschichten, die uns erzählt werden und warum? Wem ist es erlaubt zu sprechen und seine Geschichten zu erzählen und wer wird ignoriert oder verspottet, weil sie als unwichtig oder unglaubwürdig oder anders angesehen werden, und ist das fair? Haben wir die emotionale Fähigkeit, uns um jene Gedanken zu machen, die ins Abseits gedrängt oder ausgeschlossen werden? Und wie ändert es unsere Wahrnehmungen, wie ändert es unsere Kultur, wie ändert es uns, würden wir anfangen die Dinge, die unsere Erzählungen uns zu ignorieren anerzogen haben, zu bemerken und uns um sie zu kümmern?



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